18. Februar 2026
Was sind Emotionen?
Emotionen entstehen automatisch — bevor du auch nur einen Gedanken fassen konntest. Was Schlangen im Dschungel damit zu tun haben und wie du den Raum zwischen Reiz und Reaktion findest.

Jemand sagt etwas. Und plötzlich bist du wütend. Enttäuscht. Oder ängstlich. Bevor du auch nur einen Gedanken fassen konntest.
Wie passiert das? Und was kannst du dagegen tun — oder vielmehr: damit?
Die Schlange im Dschungel
Stell dir vor, du gehst einen schmalen Pfad durch den Dschungel. Die Einheimischen haben dich gewarnt: giftige, aggressive Schlangen. Du hast den Gedanken verdrängt und gehst einfach weiter.
Dann raschelt etwas neben dir.
Im Augenwinkel: eine Schlange. Du erschreckst. Du erstarrst. Dein Herz rast. Angst schießt durch deinen Körper — du siehst schon, wie sie dich angreift.
Das alles passiert in Sekundenbruchteilen. Ohne dein Zutun.
Erst danach richtest du deinen Blick bewusst auf die vermeintliche Schlange. Und erkennst: Es ist eine Liane. Die kleinen Äffchen, die auf ihr sitzen, haben das Rascheln verursacht.
Dein Herz beruhigt sich. Aus Angst wird ein Lächeln.
Dein Gehirn hatte sich geirrt. In deiner subjektiven Wirklichkeit war etwas da, das in der äußeren Realität gar nicht existierte.
Zwei Systeme in deinem Kopf
Dein Gehirn verarbeitet pro Sekunde mehrere Millionen Sinnesreize. Bewusst erlebst du nur das, was es als bedeutsam einstuft. Um das zu bewältigen, hat das Säugetiergehirn zwei Systeme entwickelt.
System 1 — das automatische System arbeitet schnell, mühelos, ständig. Es läuft im Hintergrund, entzieht sich größtenteils deiner Wahrnehmung und ist immer aktiv. Emotionen werden hier erzeugt — als Warnsignale, als Impulse, als Antriebskräfte. Als die Liane raschelte, war es System 1, das in Millisekunden entschied: Gefahr. Und deinen Körper auf Flucht vorbereitete.
System 2 — das willentliche System ist langsamer, genauer, energieintensiver. Es analysiert, vergleicht, denkt durch. Es war System 2, das — nachdem der erste Schock abgeklungen war — erkannte: keine Schlange, eine Liane.
Das entscheidende Problem: System 2 bekommt die Sinnesreize immer erst, nachdem System 1 sie schon interpretiert hat. Die Emotion ist da, bevor du auch nur einen Moment nachdenken konntest.
Das ist kein Fehler. Es ist ein Überlebensmechanismus. Aber er hat eine Schwachstelle.
Der Schlangen-Irrtum
System 1 ist hochzuverlässig — aber nicht unfehlbar. Unter bestimmten Umständen irrt es sich. Es produziert Emotionen auf der Grundlage von Interpretationen, die falsch sind.
Im Dschungel nennen wir das den Schlangen-Irrtum.
Im Alltag kennst du ihn auch. Du liest eine Mail von deiner Vorgesetzten und spürst sofort Ärger aufsteigen. Dein Partner sagt einen Halbsatz und du fühlst Enttäuschung, bevor er den zweiten angefangen hat. In einem Meeting schnürt sich etwas in dir zu.
Dasselbe passiert wie im Dschungel. System 1 hat etwas erkannt, das nicht gut für dich ist. Es schlägt Alarm. Es erzeugt eine Emotion, um dich in Bewegung zu versetzen.
Aber: Stimmt die Interpretation? Oder liegt ein Schlangen-Irrtum vor?
Das kann nur System 2 herausfinden.
Gehirnbesitzer oder Gehirnbenutzer?
Du hast stets die Wahl.
Als Gehirnbesitzer folgst du jedem Impuls von System 1 unreflektiert. Du explodierst. Du wirst sprachlos. Du willst weg. Die Emotion bestimmt die Reaktion.
Als Gehirnbenutzer lernst du, den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu nutzen. Du bemerkst die Emotion. Du aktivierst System 2. Du schaust genauer hin.
Viktor Frankl — Neurologe, Psychiater, Auschwitz-Überlebender — hat das so beschrieben:
„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit."
Dieser Raum ist nicht selbstverständlich. Er will geübt sein.
Deine Emotionen unter die Lupe nehmen
Erinnere dich an eine Situation aus den vergangenen Tagen, in der du eine unangenehme Emotion erlebt hast. Geh sie in drei Schritten durch.
Schritt 1: Das Gefühl
Wo hast du die Emotion im Körper gespürt? Wie hat sie sich angefühlt? Welchen Impuls hat sie erzeugt — Flucht, Angriff, Erstarren?
Schritt 2: Name it to tame it
Damit System 2 arbeiten kann, braucht es Sprache. Welches Wort trifft am besten, was du gefühlt hast?
Zehn unangenehme Emotionen, die jeder Mensch kennt:
Traurigkeit · Angst · Wut · Überraschung · Ekel · Scham · Schuld · Ärger · Neid · Verachtung
Schritt 3: Das Bedürfnis dahinter
Hier steckt die eigentliche Information — und einer der faszinierendsten etymologischen Zufälle der deutschen Sprache.
Das Wort Emotion stammt vom französischen émotion, das zu émouvoir — „bewegen, erregen" — gehört. Dieses geht zurück auf das lateinische emovere, „herausbewegen, emporwühlen". Das Wort Lokomotive hat dieselbe Wurzel. Und Motivation auch.
Emotionen sollen dich in Bewegung setzen — weil ein Bedürfnis nicht erfüllt ist.
Bei der Schlange: das Bedürfnis nach körperlicher Sicherheit. Im Alltag sind es oft psychologische Bedürfnisse — Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Wirksamkeit, Verbindung zu anderen.
Jede unangenehme Emotion zeigt auf ein unerfülltes Bedürfnis. Sie will dich in Bewegung bringen, damit dieses Bedürfnis erfüllt wird.
Welches Bedürfnis steckt hinter deiner Emotion? Wie müsste die Situation anders sein, damit es erfüllt ist?
Du gehst jeden Tag durch deinen persönlichen Dschungel. Manchmal raschelt es.
Die Frage ist nicht, ob Emotionen entstehen. Sie entstehen — automatisch, schnell, ohne dein Zutun. Das wirst du nicht ändern.
Die Frage ist, was du in dem Raum tust, den Frankl beschrieben hat. Ob du hinschaust. Ob du prüfst.
Ob die Schlange wirklich eine Schlange ist.
Bleibe bewusst. Folge der Freude.