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10. Februar 2026

Wie real ist Realität?

Dein Gehirn zeigt dir nie die Realität direkt — es konstruiert eine Version davon, die alles beeinflusst: deine Streits, dein Selbstbild, deine Wahrnehmung.

Wie real ist Realität?

Der Maler Salvador Dalí sagte einmal: „Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes."

Dieser Aussage kann ich aus psychologischer wie naturwissenschaftlicher Sicht voll und ganz zustimmen — und sie hat ganz praktische Konsequenzen. Wie oft du dich streitest. Wie attraktiv du dich selbst findest. Wie gut du mit dir umgehst, und mit anderen. Am Ende gibt es ein Experiment, mit dem du das direkt im Alltag überprüfen kannst.

Du siehst nie die echte Realität

Du SIEHST nicht die Realität. Du ERLEBST deine Interpretation.

Du hast in deinem ganzen Leben noch nie etwas direkt gesehen. Im Alltag haben wir den Eindruck, die Welt so zu erleben wie sie wirklich ist — aber dieser Schein trügt.

Deine Sinnesorgane verbinden lediglich die äußere physikalische Realität mit deiner subjektiven Wirklichkeit. Sie erfassen nicht, was wirklich da ist — sie übersetzen. Du siehst die Realität nicht. Dein Gehirn interpretiert sie, und du erlebst das Ergebnis davon.

In der äußeren physikalischen Realität gibt es nur Lichtteilchen, Atome, Moleküle. Ein Meer aus Energie. Für sich alleine ohne Bedeutung. Bedeutung entsteht erst durch die Interpretation deines Gehirns.

Der griechische Philosoph Demokrit — der erste, der das Konzept der Atome entwickelte — erkannte das vor 2400 Jahren: „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome und leeren Raum. Alles andere ist bloß eine Meinung."

Dein Gehirn erfindet täglich

Das klingt abstrakt. Aber du erlebst es jeden Tag.

Du bekommst eine kurze Nachricht von deinem Chef: „Wir müssen morgen reden." An einem Tag, an dem du dich gut fühlst und gerade einen Erfolg hattest, denkst du: Wahrscheinlich das neue Projekt. An einem Tag, an dem du gestresst bist und dich unsicher fühlst: Habe ich etwas falsch gemacht? Die Nachricht ist identisch. Deine Realität ist eine komplett andere.

Oder stell dir vor, zwei Menschen streiten. Drei Tage später beschreiben beide, was passiert ist — und erzählen zwei völlig verschiedene Geschichten. Keiner lügt. Jeder erlebt sein Ergebnis der Interpretation seines Gehirns als absolute Wahrheit.

Dein Gehirn interpretiert mehrere Millionen Reize pro Sekunde, die aus der äußeren Realität auf deine Sinnesorgane treffen — ohne dass du es bemerkst. 100 Milliarden Nervenzellen, verbunden durch rund 100 Billionen Synapsen, bewerten und interpretieren in Echtzeit alles, was durch dich hindurchfließt. Ein wenig so, als hättest du eine VR-Brille auf — nur dass dein Körper die Brille ist und dein Nervensystem die Realität erzeugt, die du für die echte hältst.

Was der Spiegel dir wirklich zeigt

Das gilt nicht nur für die Welt um dich herum. Es gilt auch für dich selbst.

Was siehst du, wenn du dich im Spiegel anschaust? Einen liebenswürdigen Menschen, der okay ist, so wie er ist? Und: Behandelst du den Menschen im Spiegel genauso gut wie die Menschen, die du am meisten liebst?

Oder geht es dir manchmal eher so wie einer Banane, die sich für den schlechtesten Apfel hält?

Auch hier gilt: Bedeutung entsteht in deinem Gehirn. Wenn wir glauben, nicht gut genug zu sein, halten wir das, was wir in unserem inneren Monolog über uns selbst sagen, für die absolute Wahrheit — und bemerken nicht, dass es lediglich das Ergebnis einer Interpretation ist. Viktor Frankl hat das auf den Punkt gebracht:

„Man muss sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen."

Wieviel lässt du dir von dir selbst gefallen?

Die 6-9-Situation

Das gilt auch für Konflikte.

Stell dir vor: Zwei Menschen stehen sich gegenüber und sehen eine Zahl auf dem Boden. Der eine sieht eine 6. Der andere sieht eine 9. Beide haben Recht — aus ihrer Perspektive. Meinung ist der Ausschnitt der äußeren Realität, den du von deinem Standpunkt aus erkennen kannst. Wechselst du die Perspektive, siehst du einen anderen Ausschnitt derselben Realität.

Streit entsteht immer dann, wenn wir den Perspektivenwechsel nicht vollständig denken und fühlen können — wenn wir die Interpretation des anderen entweder nicht begreifen oder nicht anerkennen wollen. Es gibt keinen Schuldigen bei einem Streit. Die Ursache liegt immer in der Mitte.

Deine subjektive Wirklichkeit wird geprägt von allem, was du erlebt und gelernt hast. Von deinen aktuellen Bedürfnissen und Motiven. Davon, wie du dich gerade in diesem Moment fühlst. Du bringst in jedem Augenblick eine einzigartige Welt in dir hervor.

Wir sehen die Welt nicht wie sie ist. Wir sehen die Welt so, wie wir sind.

Das Experiment

Beobachte in den kommenden Tagen, wie deine Meinung zu etwas oder jemanden in dir entsteht. Besonders in Momenten, in denen du dich ärgerst oder ein Streit beginnt.

Versuche dann, deine Perspektive so lange zu wechseln, bis du die Sicht des anderen nicht nur kognitiv verstehst, sondern auch fühlen kannst — auch wenn es dir widerstrebt. Denn es geht nicht darum, was dir wertvoll ist. Es geht darum zu fühlen, was dem anderen wertvoll ist und wie er zu seiner Meinung gelangt ist.

Du wirst überrascht sein, wie viele Dinge, über die du dich aufregst, bei genauerer Betrachtung 6-9-Situationen sind. Reine Perspektivfragen.


Dalí hatte Recht. Die Wirklichkeit, die du erlebst, ist eine Konstruktion. Aber das ist keine schlechte Nachricht — es ist eine Einladung. Denn wenn dein Gehirn deine Realität baut, kannst du lernen, ihm dabei zuzusehen. Und das verändert alles.

Bleibe bewusst. Folge der Freude.